Warum
de Sade?
De Sade ist der kompromissloseste Autor den es je gab. Keine Schriftstellerin und kein Schriftsteller vor oder nach ihm, hat das Dasein des Menschen rücksichtsloser beschrieben als er. Das ist auch der Grund, warum viele Menschen sein Werk nicht ertragen. Der Blick in den Abgrund verschreckt sie. Die einen brechen die Lektüre von Justine und Juliette schon nach der ersten oder zweiten Sex- und Gewaltorgie ab. Einige lesen noch die sich regelmäßig anschließende Diskursorgie, in der der Egoismus des Menschen als Triebfeder der Tat sowie als Triebfeder allen menschlichen Handelns genannt wird und in der deutlich gemacht wird, dass „alle Moral relativ ist“ (Sade: Justine und Juliette – Band III, München 1993, S. 158. in Zukunft: J/J). De Sades Argumentation ist so überzeugend, das für die meisten Leserinnen und Leser hier Schluss ist. Im besten Fall, begründen die Abbrecher den Abbruch der Lektüre mit der Feststellung, dass ihnen das Geschriebene zu viel ist und dass sie ihre (Denk-)Welt, ihr Menschenbild lieber so lassen, wie es ist. Im schlimmsten und leider häufigsten Fall heißt es: Sade ist pervers. Andere, sich anspruchsvoll gebende, sagen, ihnen sei das Ganze zu trivial, dieser simple Sozialdarwinismus.
Diejenigen, die es geschafft haben, eines seiner berüchtigten Werke komplett zu lesen, werden sich kaum zu solchen Äußerungen hinreißen lassen. Am Ende der ersten Sade-Lektüre setzt i.d.R. ein Nachdenken ein, welches jedes schnelle Urteil verbietet. Worüber denken diese durch Sade reich beschenkten Leute nach? Ulrich Kobbé hierzu „Die Auseinandersetzung mit de Sade ...eignet sich zweifellos als fruchtbare Denkübung zur Thematisierung grundlegender Fragen unseres Verhältnisses zum Gesetz , zum eigenen Begehren des Anderen, zu den verschiedenen Formen seines Genießens, zu der in dieser Intersubjektivität enthaltenen Aggression“ (Kobbè: Kriminologisches Journal, 3/02, S. 173). Deutlicher müsste es heißen: Sade hält den Leser ein Spiegel vor. Dieser Spiegel ist blitzsauber und das, was da reflektiert ist unzweifelhaft der Leser selbst. Das Spiegelbild entsteht dadurch, dass Sade die Leser dazu zwingt, sich immer wieder zwischen moralischen Positionen entscheiden zu müssen. Am Ende steht dann so etwas wie ein moralisches ICH. Anders gesprochen: Eine detaillierte Sade-Lektüre führt zur Selbstfindung. Dramatisch gesprochen: „Wir stehen vor seinen Büchern wie einst der geängstigte Wanderer vor schwindelerregenden Felsen. (...) Wir können uns von diesem Gipfel nicht abwenden, ohne uns selber abzuwenden“ (Jean Paulhan).
Sade schreibt in der Einleitung zu Die Philosophie im Boudoir: "Möge jede Mutter ihrer Tochter die Lektüre dieses Buches gebieten." Dem möchte ich hinzufügen: Bildungspolitiker dieser Welt, nehmt den Marquis in die Lehrpläne Eurer Schulen auf und rasch wird allerorts Frieden einkehren. Warum? Weil Sade erklärt, warum es sich mit grenzenlosen Egoismus, grenzenloser Gewalt nicht leben lässt und warum diese Phänomene trotzdem häufig anzutreffen sind . "Alles sagen" über Macht, Staat, Sexualität, Moral, Verbrechen, Gewalt, Geld, Religion, Vernunft ist sein bildungspolitischer Ansatz. Was de Sade in seinen Büchern mal indirekt, mal direkt fordert , geht zwar über die Kraft einer Menschheit hinaus, die zu schwach ist, sich von ihren Fehlern zu befreien, aber schon diese Fehler rücksichtslos zu benennen, ist für das einzelne Individuum, wie gesamtgesellschaftlich, mit Erkenntnisgewinn verbunden.
"Aber eine friedlichere Welt mit de Sade?" Ja, weil er Krieg bzw. Gewalt , in all ihren Formen, so beschreibt wie sie ist: brutal, schmerzvoll, angsteinflößend. Jede Tatort-Folge, jeder James Bond-Film ist gewaltverherrlichender als Sade, weil hier Gewalt verharmlost wird, indem sie nur angedeutet oder verniedlicht wird. James Bond tötet seine Gegner so, dass man ihren Schmerz kaum oder gar nicht wahrnimmt. Der Tötungsakt kommt charmant und klinisch rein daher. De Sades Tötungen vermitteln zumindest ein literarisches Gewalterlebnis und Pasolinis Verfilmung der 120 Tage von Sodom ein cineastisches. Mit einem Wort: Menschen, die sich mit de Sade auseinandergesetzt haben, sind für Gewalt eher sensibilisiert, als reine James Bond- und Tatort- Konsumenten und werden, so meine These, auch bewusster und differenzierter über Gewalt diskutieren.
"Und der pornografische Aspekt?" Ist Sade ein Pornograf ? Nein, oder doch? Die Meinungen darüber sind geteilt. Entscheiden Sie....
Fortsetzung folgt...